Paraden und Proteste — Inszenierung und Aneignung

lecture

8. Juli 2020, 19:00

MITKUNSTZENTRALE - Werkstatt für Kunst und Klima im öffentlichen Raum, Karl-Marx-Allee 1, 10178 Berlin

Aktions-, Diskussions- und Präsentationsreihe zur Erforschung des öffentlichen Raumes mit den Mitteln der Kunst

 

Prozessionen, Aufmärsche und Paraden sind seit jeher Inszenierungen der Macht, die die bestehende Gesellschaftsordnung symbolisch im Stadtraum sichtbar machen. Dabei wird aus einem relativ beschränkten Repertoire theatraler Präsentationsformen geschöpft. Oft führen diese Märsche entlang bestimmter Routen von symbolischer Bedeutung, welche im Laufe der Zeit auch angepasst und verändert wurde. So wurde eine Geographie des Gedenkens und der Identität in den Stadtraum eingeschrieben. Protestmärsche und Demonstrationen sind die inoffiziellen Gegen-Praktiken, die Unrecht und Konflikte in der bestehenden Ordnung anprangern und Alternativen aufzeigen. Diese besetzen oft dieselbe symbolisch aufgeladene Geographie des Gedenkens und eignen sich etablierte Präsentationsformen an um diese zu untergraben.

Im Berlin der Weimarer Republik war der Lustgarten der zentrale Ort für politische Protestkundgebungen. Nach dem Krieg inkorporierte die Ostberliner Regierung diese ursprünglich kritischen Traditionen in das offizielle Erinnerungsrepertoire und begann die symbolische Geographie nach sozialistischen Massstäben umzuformen. Diesen ideologischen Anpassungen fiel 1950 auch das Stadtschloss zum Opfer. Nach der Wende setzten ähnliche Prozesse unter anderen Vorzeichen ein, die unter anderem zur Rekonstruktion des Stadtschlosses führten. Anhand von Beispielen aus Berlin und anderen Ländern werden Prozesse wechselweiser Aneignung und Manipulation politischer Machtsymbole und -praktiken aufgezeigt. Dabei geht es nicht nur um die gebaute Umwelt sondern auch um ephemere Formen der Präsentation und des politischen Ikonoklasmus.

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